Doing Family – Presse

DOING FAMILY

ANNETTE STIEKELE: HOFFNUNGSVOLL: URAUFFÜHRUNG “DOING FAMILY” AUF KAMPNAGEL

Ach, die liebe Familie, mitunter verflucht und doch immer geliebt. “Doing Family” nennt Barbara Schmidt-Rohr ihre Performance für ein jugendliches und erwachsenes Publikum, die jetzt beim Dangerous Minds-Festival Uraufführung auf Kampnagel feierte. Und es ist keineswegs eine pessimistische Sicht auf die Kern-Familie in unserer globalisierten Welt. Eher eine Utopie, die Anlass zur Hoffnung gibt.

Weiterlesen: Hamburger Abendblatt

Anna Semenova-Ganz: Patchwork Theatre

The premiere of the performance took place in the frame of the “Dangerous minds” festival which in its statement “demands participation, grasps at responsibility and (re)organizes as a community”. “Doing family” is in line with this approach. It talks about family as the community, which reorganizes itself and at the same time the community of spectators which fluctuates around the stage, is reshaping itself into the average between the museum visitors and the zoo bystanders, leaving theatrical strategy aside.

Weiterlesen: Tanznet.de

Eyes Wide Open Presse

Video: Auge Altona

Eyes Wide Open

Annette Stiekele: Entführung in fantastische digitale Welten
Hamburger Abendblatt

Barbara Schmidt-Rohr zeigt die Performance “Eyes Wide Open” auf Kampnagel Hamburg. Beim Internationalen Sommerfestival 2014 hatte die Hamburger Kuratorin und Choreografin Barbara Schmidt-Rohr bereits mit “The Bee Treasure” Erwachsene in rituelle Performancewelten von Kindern entführt. In “Eyes Wide Open” dreht sie jetzt auf Kampnagel die Versuchsanordnung noch eine Umdrehung weiter.

weiterlesen: www.abendblatt.de

ROBERT MATTHIES: SPIELEN OHNE STROM

Taz Hamburg 7/8. 5. 2016

Mit dem Stück „ Eyes Wide Open“ setzt Barbara Schmidt-Rohr ihre Arbeit mit Kindern fort: Was kann man von Ihnen lernen, wenn man sie in einem postapokalyptischen Szenario alleine lässt?

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Anna Teuwen: Über die revolutionären Kräfte des Theaters mit Kindern

IXYzett / Theater der Zeit / Heft 10/2016

Unter dem Stichwort „GenerationlSM” präsentiert Kampnagel in Hamburg fünf Arbeiten mit Kindern, die an ein erwachsenes Publikum adressiert sind. Zwei dieser Stücke werden hier auf der Suche nach den Motiven für die steigende Präsenz von Kindern in performativen Kontexten genauer in den Blick genommen.

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The best, the Worst – Presse

THE BEST. THE WORST. MY EVERYTHING!

Gabriele Wittmann in der Zeitschrift tanz, 8 /9 2015:
“Kritik der Kritik”

«Ich lebe in einem sterbenden Europa», schimpft die Choreografin Angela Guerreiro.
«Keine Jobs. Schleichende Armut. Länder, die ihre Idee von Unabhängigkeit aufgeben.» Aus der Tiefe des Bühnenraums kommt Robert Steijn und zieht sich aus. Legt sich auf den Boden. Und schläft. Totale Entspannung. Kein Stress. «Keine Spur davon, dass ich jemanden überzeugen müsste», sagt er
später. Der ehemalige Tanzkritiker und Dramaturg schläft in vielen seiner Installationen vor Zuschauern. Das ist sein Beitrag zum Thema Kritik. (…)

mehr lesen: www.kultiversum.de

Tom R. Schulz im Hamburger Abendblatt, 16.05.2015

… Die wie in einer Rennbahn der Antike an den Längsseiten sitzenden Zuschauer bekamen Bruchstücke von sechs denkbar unterschiedlich ausgeprägten Künstleridentitäten zu sehen, deren Dringlichkeit man sich nicht entziehen konnte. … Ein Abend voller Wut und Zartheit, über Vereinzelung und Solidaritätsversuche. Vor allem eine bewegende Lehrstunde über verzweifelte, unbedingte, bedingungslose Liebe zur eigenen Kunst.

… Doch hinter diesem „von allem nur ein bisschen“ steckt ein Konzept. Irmela Kästner stellt die eigenwilligen, auch extremen Ausdrucksformen der Künstler gegeneinander. Mit allem was daran toll und mit allem, was daran auch kritisierbar ist… Eine Herausforderung für alle Künstler.

mehr lesen: www.abendblatt.de

Elisabeth Burchhardt auf NDR Radio 90,3 Kultur, 13. 5. 2015

… Doch hinter diesem „von allem nur ein bisschen“ steckt ein Konzept. Irmela Kästner stellt die eigenwilligen, auch extremen Ausdrucksformen der Künstler gegeneinander. Mit allem was daran toll und mit allem, was daran auch kritisierbar ist… Eine Herausforderung für alle Künstler.

 

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http://thebest-theworst-myeverything.blogspot.de/
https://vimeo.com/user51084128

 

The Bee Treasure – Presse

 

THE BEE TREASURE

Hamburger Abendblatt 01.08.2014

Natürlich ist beim Internationalen Sommerfestival Kunst aus aller Welt zu Gast, aber auch die lokale Szene zählt dazu. So zeigt die Tanzinitiative Hamburg in “The Bee Treasure” eine Kinderhorde, die sich in ein Versteck im Unterholz zu Nagetieren, Vögeln und Bienen zurückzieht. Besuchern eröffnet sich eine eigenwillige, märchenhafte Welt. Entwickelt wird sie von der bildenden Künstlerin Isa Melsheimer, den Choreografen Frank Willens und Maria F. Scaroni. Und Richard von der Schulenburg steuert ein paar erlesene musikalische Klänge bei. weiterlesen: Hamburger Abendblatt

Hamburger Abendblatt 25.08. 2014

Verspielt war diese Festivalausgabe wie selten. Doch hinter dem Kindlichen stand häufig ein ernsthaftes gesellschaftskritisches Anliegen. (…) Auch die Tanzinitiative Hamburg trug dazu bei mit ihrem wundersam beglückenden “The Bee Treasure”. Acht Kinder laden in eine von der Berliner Künstlerin Isa Melsheimer geschaffene postapokalyptische Welt direkt am Kanal, in der sie sich, choreografiert von Frank Willens und Maria F. Scaroni, nach und nach in Raubtiere verwandeln. Der Besucher erlebt, mit Insektenmaske versehen, eine blinde Selbsterfahrung, in der Blumen und Tierfelle auf seinem Schoß landen, er scharfes Currypulver riecht und ihm fremdartige Dinge ins Ohr geflüstert werden. Eine geheimnisvolle Rückzugswelt, die die Wahrnehmung nachhaltig irritiert.

Hamburger Theatermagazin / GODOT 21.08. 2014

” Ein Showraum der kleinen Tiere öffnet sich hinter den Vorhängen. In Käfigen knab­bern sie, in kleinen Höhlen verkrie­chen sie sich, auf Fotos zieren sie die efeu­ber­ankten Wände. Acht Kinder haben sich zwischen ihnen einge­richtet. Sphä­ri­sche Musik umwabert sie. Wie sie, nehmen die Kinder sorgsam Boden­kon­takt auf und erkunden mit geschlos­senen Augen die Umge­bung. Sie krie­chen über den Boden, zwängen sich zwischen die Zweige des einzigen Baumes und kuscheln sich schließ­lich zusammen in eine Ecke. Im Sitz­kreis imitieren sie die Tier­spra­chen, bis sie ihre eigene finden. Mit Fanta­sie­wör­tern scheinen sie sich perfekt zu verständigen. Dann nehmen sie geschickt die erste Bezie­hung zu den erwach­senen Zuschauern auf. Sie stellen sich neben sie und imitieren sie. Doch dann wendet sich das Blatt. Den Erwach­senen werden Vogel­masken aufge­setzt, die sie zu Blinden machen. Nun sind sie ange­wiesen auf die kleinen Kinder­hände, die sie mit sanftem Druck führen. Sie dürfen in ihren „Secret Garden“, aller­dings nur gegen den Einsatz des Vertrauens. Die Kinder lenken die Erwach­senen. Als es durch die Tür in Kind­er­höhe geht, wird sorgsam der Kopf beschützt. Auf jede Uneben­heit im Boden weist die Kinder­hand mit behut­samem Druck hin, bis man schließ­lich auf eine Bank gedrückt wird. Ganz auf die Sinne des Hörens, des Tastens und des Riechens ange­wiesen, versucht man die Geheim­nisse des Kinderd­schun­gels zu ergründen. Glocken­klänge, Trom­mel­schläge, Zirpen, Rascheln hört man. Winde wehen, Wasser plät­schert und gurgelt. Blüten­blätter purzeln herunter und Moos landet im Schoß. Es riecht nach Tannen­na­deln und Gras. Bienen­ge­summ mischt sich unter den atmo­sphä­ri­schen Sound­tep­pich, der in anderen Welten beför­dert. Zu gerne würde man unter der Maske durch­blin­zeln, doch kein Licht­strahl fällt hindurch. Erst als die Kinder ihre Besu­cher wieder außer­halb ihres Gartens vor die Vorhänge gebracht haben, nehmen sie ihnen die Augen­masken ab. Ihr „Secret Garden“ wird ihr Geheimnis bleiben. Kurz­zeitig durften die Erwach­senen in ihm zu Besuch sein, aber nur zu den Bedin­gungen der Kinder. …”

Schattenblick / online Magazin 18.08.2014

„Dazwischen“ – Interview zu THE BEE TREAUSRE mit der Bildenden Künstlerin Isa Melsheimer und dem Dramaturgen Thomas Schaupp am 18. August 2014 in Hamburg (PDF)

Hinter den Gärten – Presse

Hinter den Gärten

Die Welt 19.05.2013

Was ist künstlich? Was ist natürlich? von Katja Engler Choreografin Isabelle Schad erarbeitet eine Performance zwischen stillgelegten Bahngleisen. Anna Halprin war 90 Jahre alt, als sie in New York wieder mal einen Workshop gab. Irgendwann sagte da die unverändert wendige Pionierin des postmodernen Tanzes: “Ich nutze Bewegungen als einen Weg, um in uns zu verankern, wer wir sind. Tanz kann durch den Körper den Geist formen.” Die Berliner Choreografin Isabelle Schad nennt Isadora Duncan und Anna Halprin, wenn sie zu umreißen versucht, was für eine Art Bewegungs-Theater sie macht und wer sie inspiriert. Derzeit probt sie mit 30 Männern und Frauen, Laien und Profi-Tänzern, auf einer Brache im Hamburger Oberhafen […] weiterlesen : www.welt.de

Hamburger Abendblatt 22.05.2013

“Hinter den Gärten”: von der Weisheit der Körper von Katja Engler Zwischen stillgelegten Gleisen am Oberhafen feiert Isabelle Schads Tanzperformance “Hinter den Gärten” Premiere. Zuschauer können sich frei auf dem Gelände bewegen und in bestimmten Grenzen “mitgehen”. Alles ist mit allem verbunden, jede Bewegung wirkt sich auf das Ganze aus: Gleich einzelnen Teilchen wabernden Plasmas bewegen sich die Männer und Frauen miteinander wie in einem großen Strom. Dann wieder halten sie jeder den Fuß eines anderen fest: Die Gemeinschaft, die die Choreografin Isabelle Schad hier auf einer Brache zwischen stillgelegten Bahngleisen im Oberhafen herstellt, hat sich zusammengefunden, um eine poetische urbane Intervention mit Leben zu füllen: “Hinter den Gärten” heißt die Bewegungsperformance, die an diesem Mittwoch, 22. Mai, hier Premiere hat. Die Zuschauer können sich frei auf dem Gelände bewegen und in bestimmten Grenzen “mitgehen” […] weiterlesen: Hamburger Abendblatt

Hamburgtheater / online 26.5. 2013

Atmende Grashügel von Birgit Schmalmack Hinter den Lagerhallen am Oberhafen tut sich Wundersames. Da wächst englischer Rasen, da stehen Chrysanthemen ordentlich aufgereiht in kleinen Töpfen, da hängen sich die Menschen in die Bäume. Trotz widrigster Wetterumstände wälzen sie sich auf dem Boden, schmiegen sich an die Grashügel, schaukeln in den Zweigen und werden zu sich bewegenden Menschenhügeln. Sie werden zum einem Teil der Natur. Dabei verändern sie sich kontinuierlich. Sie bilden wortlose Arbeitsgruppen, dirigieren den anderen an der Kleidung um die eigene Achse und kuscheln sich aneinander. Sie werden zu Raupen und zu arbeitenden Organismen, bis sie sich zum Schluss auf ihre eigenen zwei Beine stellen und über die Gleise einzeln ihrer Wege gehen. Die Sounddesigner, die an dem Projekt „Hinter den Gärten“ der Tanzinitiative Hamburg mitgearbeitet haben, haben die Geräusche der Umgebung geschickt einbezogen in ihr Sound-Konzept. Sie verstärken und mischen die ständig vorhanden Klänge der Umgebung zu neuen Kulissen zusammen, so das auch hier Kunst, Natur und Technik ineinander fließen und eine neue Einheit bilden können, die nicht mehr zu trennen ist. Die Choreographin Isabelle Schad hat ein wunderbar sinnliches und einfaches Kunstwerk mitten in einer Industriebrache entstehen lassen. Direkt neben der schnieken, blitzeblanken Hafencity liegt hier ein fast ungenutztes Kleinod, das sich für solche Aneignungen anbietet, so lange es noch existiert. Toll das es jemand dafür entdeckt hat zu zeigen, was eine Community aus Künstlern und Laien hier gemeinsam erschaffen kann.

Notett – presse

Fotos: Jens Hasenberg

Notett

RANDBEMERKUNGEN / EIN STÜCK VON CLAUDIA LICHTBLAU                    URAUFFÜHRUNG:  2.10.2008 STADTPARK HAMBURG UND KAMPNAGEL

Hamburger Abendblatt 4. 8. 2008

Askese, Sinnlichkeit und Befremdung von Monika Fabry So viel heroische Selbstverleugnung, gepaart mit künstlerischer Integrität und Disziplin sind selten. “Notett – Randbemerkungen”, eine zweiteilige tanztheatrale Meditation als Uraufführung von Claudia Lichtblau, produziert von der Tanzinitiative Hamburg, verlangte den beiden Protagonisten, Marine Fourniol und Matthias Hartmann, einiges ab […] weiterlesen:  www.abendblatt.de

Tanzjournal 6/ 2008

Bis es friert von Klaus Witzeling Zwei Körper positionieren sich im Raum, sie gehen in Stellung. Sie beziehen sich aufeinander in Blicken, ziehen ihre Bahnen, umkreisen einander in Wegen und morsen sich Worte zu wie klingende Lichtsignale. Doch sie kommen nicht wirklich in Kontakt, wie der Titel von Claudia Lichtblaus „Notett Randbemerkungen“ bereits nahelegt. Marine Fourniol und Matthias Hartmann tanzen kein Duett, sie treten vielmehr in Dialog mit der Kunst des Tanzes und den Raumstrukturen. Selbst in der Natur, unter freiem Himmel im Hamburger Stadtpark, wo der erste Teil der Körper-Raum-Performance unter Wolkenschleiern einfach vor sich geht (so muss man schon sagen, denn Lichtblau und ihren so präzisen wie präsenten Tanzkünstlern liegt jegliche Spekulation auf Spektakel fern) beziehen sich die beiden auf die Sockelkonstruktion des Art-Deko-Wasserturms. Sie folgen, von herbeiwehenden Klangfetzen des Posaunisten Brent Foster begleitet, den Treppen und der Einfassung des Brunnenbassins. Es passiert eigentlich wenig und doch ungeheuer viel, denn die Choreographin lädt die exakten, konzentriert gespannten Bewegungsakte mit Assoziationen aus der (bildenden) Kunst und dem Theater und nicht zuletzt mit Sprache auf: Der Hamburg-Flanierer Samuel Beckett kommt zu Wort, dann beim zweiten Teil im kalten Betonkubus der Kampnagel-Probebühne Friedrich Hölderlin und nicht zufällig Stéphane Mallarmé mit dem Poem „Une Constellation“ – „Ein Sternbild“. Im geschlossenen Raum gelingt es der manischen Minimalistin Lichtblau „die Konstellation“ zwischen den beiden „Gestirnen“ zu Explosionen der Stille zu bringen – allerdings nur für den Zuschauer, der dem sich entspinnenden Netz aus Bewegungen und Worten folgen mag. Sie entfaltet es sorgsam, setzt wenig Akzente mit Farbe – grüne Schuhe, der mit rotem Leder bezogene Barhocker, ein gelber Mülleimer – und strukturiert vier Mal mit den sich unmerklich verschiebenden Rhythmen des Komponisten Killian Schoon. Hartmanns Klagestöhnen ins Mikrophon findet sein Echo in Hölderlins poetischem Appell an die „himmlische Flamme des Verstandes“ („Die letzte Stunde/Der Wald“). Sein Körper leuchtet nackt und pur und es gelingt Hartmann die Entkörperlichung seines Körpers ins Skulpturale. Er wirkt rein, spirituell und selbstverständlich, was den rauschenden Seidenstoff über der bloßen Haut der „Partnerin“ vergleichsweise obszön wirken lässt.??Die Choreographin stellt Grundsatzfragen in „Notett“. Antworten gibt sie keine. Ihr scheinbar leicht hingeworfenes, dabei stets ins Kleinste durchdacht wirkendes Werk mutiert überraschend zum kantigen Brocken – durch die es grundierenden Bezüge zu Dichtung und Philosophie und Gedankenspiele über Kunst, Natur, den Menschen und die von ihm geschaffene grauenvolle Realität, deren Bilder sie nie beschwört aber mit ihren subtilen und großartigen Tänzern in die Fantasie des Zuschauers projiziert, dass ihn frieren muss. Dieses ungewöhnliche Projekt ist der Tanzinitiative Hamburg zu danken. Sie holte Claudia Lichtblau erstmals an die Elbe und realisierte in Kooperation mit dem „K3-Zentrum für Choreographie“ diese bemerkenswerte, mutige, wahrlich dem Tanz neue Spielorte und (Gedanken)Räume eröffnende Produktion. Sie mag nicht auf Anhieb „publikumsattraktiv“ gewesen sein. Doch genau darum muss es in der Recherche über Tanz und im vom Tanzplan Deutschland ermöglichten choreografischen Zentrum gehen können: Auch in Zukunft solche, sich Gefälligkeit und Mainstream verweigernde eigenständige, originelle und unabhängige Tanz-Experimente anzustiften und zu verwirklichen.

Cinderella Games – Presse

Fotos: Heiko Seibel

Cinderella Games

4 choreografische Kommentare im Boxring Uraufführung: 18. 2. 2007 Sportbar scope, Hans-Albers-Platz, Hamburg/St. Pauli Schwankhalle Bremen

Die Welt 20. 2. 2007

Nieder mit der Schwerkraft – Ring und Bühne frei für künftige Sieger und kommende Verlierer  von Stefan Hentz Uraufführung: Cinderella Games: Tänzerinnen machen Schlagzeilen, der Boxring wird zum Tanzboden: Quadratisch, praktisch, ein klassisches Format, vielleicht fünf mal fünf Meter, gut gepolsterte Ecken und Seile zwischen den Eckpfosten: ein Boxring – die klassische Bühne. Bühne für Selbstdarsteller, Kämpfer, Schläger, Tänzer. Und Tänzerinnen, versteht sich, spätestens seit Boxerinnen die Nachrichtenkanäle entern. Und seit die Tanzinitiative Hamburg und das Steptext Dance Project Bremen den Boxring zum Schauplatz ihres mit Tänzerinnen und Tänzern aus Berlin, Bremen, Paris und Hamburg besetzten Projektes “Cinderella Games” erkoren haben, das am Sonntag in der gut gefüllten Sportbar Scope am Hans-Albers-Platz uraufgeführt wurde. Kampf und Tanz, Wucht und Rhythmus, Boxen und Weiblichkeit, Spiel und bitterer Ernst, sind in etwa die Spannungsverhältnisse, aus denen die “Cinderella Games” ihre Energie schöpfen. Die Berliner Tänzerin Katrin Schyns etwa bezieht sich ironiegeladen auf die Traummaschine Boxsport, auf die Träume von Erfülltheit und Unbedingtheit, die sich mit dem Kampfsport verbinden. Anne Minetti dagegen thematisiert das Wechselverhältnis zwischen Kämpferin und einem Widerpart in einer Zwitterrolle zwischen Schiedsrichter und persönlichem Trainer thematisiert, der das nötige Aggressionslevel aus der Tänzerin hervorkitzelt, und die Hamburger Choreographin Dorothea Ratzel konfrontiert einen Interviewmitschnitt der seit Sonnabend frischen Fliegengewichts Weltmeisterboxerin Susianna Kentikian als inneren Monolog mit der brachialen Dynamik des Kickbox-Profis Tim von Fintel. Am deutlichsten erzählen die Pariser Tänzerinnen Mélanie Sulmona und Karla Pollux die Geschichte eines Kampfes als Folge von Verwandlungen und Rollenwechseln. In dem Maß, wie sie die Ausrüstung der Kämpferin anlegen, zögernd und zielstrebig zugleich, streifen sie die sexualisierten Gesten der Weiblichkeit ab, und schlüpfen in geschmeidige Bewegungsmuster, die zusammen mit den elastischen HipHop-Beats die latent aggressive Energie des Kampfes beschwören. Zwei Spiegelfechterinnen, deren Kampf im Gleichmaß von Angriff und Abwehr, von Ausweichen und Nachsetzen, links, rechts, vor und zurück mit zunehmender Kampfdauer das Gegeneinander zum Zusammenspiel konvergenter Kräfte verwandelt. Sieger und Verlierer? Nur zwei Seiten einer Medaille namens Kampf, nur die Gemeinsamkeit der Akteurinnen, Solidarität vielleicht sogar.

Hamburger Abendblatt, 10./11. 2. 2007

Frauen, die sich hauen von Klaus Witzeling Die Hamburger Choreografin Dorothea Ratzel im Gespräch mit der frisch gekürten WBA-Weltmeisterin im Fliegengewicht, Susianna Kentikian, zu CINDERELLA GAMES weiterlesen

tanzjournal 2/2007

Cinderella Games von Klaus Witzeling Tanz statt Kampf? Der Kampf als Tanz? Oder Tanz als Kampf? Die Hamburger Tanzinitiative schickte vier Choreografinnen in den Boxring, um die Grenzen zwischen Sportkunst und Tanzsport auszuloten. Bei den „Cinderella Games“ steigen schon mal Underdogs zu Medien-Heroen auf – wie die frischgebackene WBA-Weltmeisterin Susiana Kentikian. Die „Killer-Queen der Herzen“, eine armenische Immigrantin in Hamburg, schlug in Dorothea Ratzels „sieg oder stirb!“ zwar nicht mit den Fäusten zu. Der Fliegengewichtlerin genügten Worte, um in der Sportbar „Scope“ am Kiez ihren Sparring-Partner, den Kick-Boxer Tim von Fintel, in die Seile zu jagen. Mit dem Fight zwischen Körper und Kopf, zwischen muskulärer und mentaler Kraft, punktete der „Profi“ dann doch gegen „Susi“ durch performative Präsenz und elegant treffsicheren Einsatz der Martial Arts. Die weiteren Duelle in der Koproduktion mit steptext dance project bremen (von Katrin Schyns und Anne Minetti) waren als choreografische Vorrunden zu werten. Doch gelang Mélanie Sulmona und Karla Pollux in ihrer HipHop-Battle eine effektsichere Synthese von Boxen und Tanz.

Gimme Shelter – Presse / Video

Gimme ShelteR

TANZ, 7 / 2010

Auf Kampnagel in Hamburg leben Vater, Mutter, Kind in der Intimität der Öffentlichkeit von Katja Schneider “…Auf Kampnagel öffnet sich der Raum für ein friedliches und sicheres Miteinander. Anderswo steigen die Mieten. Die Gratwanderung, hierzulande Familie und Beruf vereinbaren zu wollen, potenziert sich bei nomadisch lebenden Tänzern und Choreographen. Auch das macht “gimme shelter” sehr bewusst.” Weiterlesen als PDF

Lukas – Presse

VIDEO: Dorothea Grießbach, Mitarbeit: Ulrich Ratz, 2011

Lukas

Choreografien für junge Männer Uraufführung: 27.2.2011 P1-Tanzplan Hamburg auf Kampnagel

Hamburger Abendblatt 3.3. 2011

Der Kampf des jungen Körpers mit einem weißen Blatt Papier von Klaus Witzeling Abenteuer und Freiheit, aber auch Grenzen symbolisieren die von Mauersteinen umfriedeten Zelte auf der Kampnagel Probebühne. Die Rauminstallation von Jens Hasenberg und Thorsten Tenberken spiegelt das Spannungsfeld, in dem sich junge Männer befinden. Ihre Unsicherheit, das Bedüfnis nach Geborgenheit, sowie der Drang nach Ausbruch in einer noch romantisch und unscharf wahrgenommenen Welt – sie kennzeichnen das von k3-Choreografie Zentrum und Barbara Schmidt-Rohr produzierte Tanztheater-Jugendprojekt LUKAS. Kuscheldecken, mal als Kokon genützt, mal als Papierflieger gefaltet, verbinden motivisch die 4 Stücke. Originell und humorvoll umkreisen darin die einfühlsam geführten, erstaunlich sicheren Akteure die Suche nach ( ihrer ) Idendität. Choreografin Lucia Glass und Performer Philipp Kronenberg zeigen sie so plastisch wie einfach in einem vieldeutigen Bild; als Kampf des Körpers mit einem rießigen, noch unbeschriebenen Papierbogen.

Tüddeldüddel-lüd Presse

Fotos: Stefan Malzkorn

Tüddeldüddel-lüd

EIN COMMUNITYPROJEKT Uraufführung: 5.2.2009 Kampnagel Hamburg

DIE WELT, 7. 2. 2009

Tüddeldüddel-Lüd: Hamburg, wie es klingt und tanzt von Monika Nellissen Respekt! Eine derart bunt gemischte Laientruppe aus 45 Frauen, Männern, Alten und Jungen binnen neun Tagen zu einem choreografisch disziplinierten Bewegungskosmos anzuregen, der über die Dauer einer knappen Stunde fast durchgehend fesselt, das ist ungewöhnlich. “Tüddeldüddel-Lüd” heißt etwas neckisch mit hanseatischem Anklang eine Performance von Isabelle Schad und Bruno Pocheron, die mit Hilfe der Hamburger Tanzinitiative im Zentrum der Choreographie in der Kampnagelfabrik entstanden ist. Wohltuend dabei, dass die Beteiligten nicht unter dem Drill der derzeit grassierenden Welle mitunter prätentiöser Tanzperformances mit körperlich Ungeübten steht, sondern dass hier jede Unzulänglichkeit individuell genutzt wird zu erstaunlich homogenen chorischen Gruppierungen und anrührenden Einzelbegegnungen. Auf eine Soundcollage aus Alltagsgeräuschen, eingefangen an unzähligen Orten in Hamburg, antworten die Darsteller in rhythmisch-energetisch sich formenden und auflösenden Bildern

Tanzjournal 2/2009

Der einzelne im Schwarm von Edith Boxberger Hemden, Röcke, Jacken, Blusen, Shirts klatschen auf den Boden, fliegen in die Luft, werden um Körper drapiert und auf verschiedenste Weisen übergezogen. Die Körper verschwinden hinter den Kleidungsstücken, blitzen momenthaft auf. Je länger das Spiel andauert, desto mehr verfließen sie mit ihnen, desto unentscheidbarer wird, wer Akteur, wer Objekt ist. Überraschende, bizarre, beklemmende Bilder tauchen auf und rufen unterschiedliche Assoziationen herauf: Lust an Neuerfindung, Deformierung, Schutzsuche. Ganz allmählich geht die über den ganzen Raum verteilte Gruppe zu Boden und rückt schließlich zu einem Leib zusammen, einem vielgestaltigen, durch die Bewegungen der Einzelnen unaufhörlich pulsierenden Leib. Diese suchen Nähe, aber immer auch einen eigenen Ort. Ein Schluss, dessen Botschaft sich freilich nur aus dem Verlauf des Stückes erhellt. Denn nicht die Rückkehr in den Schoß einer Großgruppe legt das neue Community-Projekt nahe, das Isabelle Schad und Bruno Pocheron (nach der Idee von Irmela Kästner und Barbara Schmidt-Rohr ) mit einer sehr heterogenen Gruppe von 45 Hamburgern erarbeitet haben, sondern die Idee eines größeren Miteinander, das von Einzelnen getragen wird und sich in wechselnden kleinen Konstellationen realisiert. „TüddelDüddel-Lüd“, so der norddeutsch-lautmalerische Titel, beschreibt den urbanen Kontext als nie versiegenden und stetig sich verzweigenden Fluss, als Quelle von Aktivität und Sozialität, von Bruno Pocheron mit dem Sound der Stadt unterlegt. Kaum je hört die Bewegung auf. Poetisch das Eingangsbild: von beiden Seiten winden sich die Darsteller mit ausgebreiteten Armen in den Raum und verzahnen sich in der Mitte, ein Bild, das, wenn man will, an Seevögel im Gleitflug erinnert und sich in verschiedenen Variationen durch das Stück zieht. Es bilden sich Paare, kleine Gruppen. Sie verlassen die Bühne, kommen zurück und formen sich zu drei größeren Gruppen, aus der sich erst einzelne, dann viele lösen und, angestoßen durch herausschwingende Hüften, zum Piepsen der Supermarktkasse ihre Körper zu schrägen Ausbeulungen verziehen. Die Gruppe ist durchlässig, macht die Einzelnen sichtbar, in den luftig sich verschiebenden Reihen, in dem sogartig nach hinten gezogenen Pulk, den die Einzelnen ständig in Bewegung halten, indem sie Plätze und Raumdimensionen wechseln. Und während Hildegard Knef kompromisslos Erwartungen an das Leben besingt („Für mich solls rote Rosen regnen“) treten sie ganz nahe ans Publikum heran, jeder Einzelne zu unterscheiden. Die Gruppe ist nie ein homogenes oder starres Gebilde. Oft franst sie wie ein verwischtes Foto an den Rändern aus, kaum dass sie geformt ist – die Akteure sind schon wieder unterwegs, um an anderer Stelle etwas miteinander probieren. „TüddelDüddel-Lüd“ ist, anders als das stark textdominierte „Still Lives“, ein reines Bewegungsstück, in dem aber nicht der Versuch unternommen wird, Tanzformen zu imitieren, sondern, inspiriert von verschiedenen Körperpraktiken, Bewegungen aus der Wahrnehmung des individuellen Körpers und seiner Schichtungen zu initiieren, die auch für den anderen sensibilisieren. Daraus entstehen unprätentiöse Bewegungen, einfach und zugleich eigenwillig, bestimmt und doch von großer Behutsamkeit, und auch eine unaufdringliche, aber zärtliche Zugewandtheit. Immer wieder entstehen kleine berührende Duette. Paare stehen in einer Art stillen Nähe, führen oder tragen sich über die Bühne, rollen in enger Umarmung. Selbstverloren dreht ein junger Mann große Runden durch den Raum, während Möwen hitchcockartig kreischen. Ein älterer Mann steht mit ausgebreiteten Armen neben seiner Bahn und hat ihn stets im Blick, bereit, ihn notfalls zu beschützen.

More! More! More! – presse

MORE! MORE! MORE!

TANZ IN CONTAINERN SPITALERSTRASSE – HAMBURGER CITY URAUFFueHRUNG : 27. 6. 2007

Die Welt 29. 6. 2007

Vorsicht! Enthält Spuren von Konsumkritik von Monika Nellissen Wir wollen nicht von Heroismus sprechen, wenn gut hundert Zuschauer in strömendem Regen Spitalerstraße/ Kurze Mühren ausgehalten haben, um die Uraufführung der Container-Show “more! more! more!” draußen zu verfolgen. Es war die Begeisterung über die rundum gelungene Performance in neun Schiffscontainern, entwickelt von der Hamburger Tanzinitiative, die niemanden Lust verspüren ließ, sich ins Trockene zu flüchten. weiterlesen: www.diewelt.de

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Magic Light – presse

Magic Light

TANZ IN CONTAINERN AUF DEM HACHMANNPLATZ/ HBF HAMBURG URAUFFÜHRUNG:  SEPTEMBER 2005

taz-hamburg, 10./11.9.2005

Hiphop mit Spieluhr??magic light: Junge Tänzer aller Sparten buhlen in 15 am Hauptbahnhof übereinander gestapelten Containern um die Gunst des Publikums von Karin Liebe Der Hamburger Hauptbahnhof ist nicht gerade ein Ort, an dem man sich länger als unbedingt nötig aufhält. Selbst die Mozart- und Haydnklänge am Ausgang Hachmannplatz dienen nicht zur Erbauung der Reisenden, sondern zur Vertreibung von Drogensüchtigen und Dealern. Umso erfreulicher, dass der Platz für wenige Tage zum Ort des erwünschten Müßiggangs und Kunstgenusses wird. Und das ohne Mega-Event-Charakter, Feuerwerksgetöse und Würstchenbudengeruch. Nicht einmal Eintritt kostet die von der Hamburger Tanzinitiative initiierte und produzierte Performance „MAGIC light“. Stehvermögen sollte man für die 90 Minuten dauernde Show allerdings mitbringen – und Neugierde auf zeitgenössischen Tanz. Bis Sonntagabend findet sie noch vor dem Bieberhaus in 15 mit Neonröhren erleuchteten Schiffscontainern statt. Letztes Jahr stand die Container-Installation unter dem Titel „Glamour“ auf dem Spielbudenplatz – mit so großem Erfolg, dass  Irmela Kästner und  Barbara Schmidt-Rohr das Konzept am neuen Spielort wiederholten. Nacheinander, teils auch parallel, buhlen jetzt wieder internationale Tänzer und diesmal auch ein Schauspieler auf engstem Raum um die Aufmerksamkeit des Publikums. Die temporären „Bewohner“ der in drei Reihen zu jeweils fünf Containern übereinander gestapelten Kästen werden zu Beginn mit einem Hebekran auf ihre Minibühne hinaufgehievt – ein stimmungsvoller Anfang, der einen sofort an laue Sommerabende an der Elbe mit Blick auf den Containerhafen erinnert. Während das Publikum alles voll im Blick hat, ist der Sichtkontakt der Künstler untereinander durch Wände zwischen den Waben versperrt. Aber sie hören sich. Vor allem den Hamburger Schauspieler Matthias Breitenbach. Er stimmt mehrfach einen zornigen Großstadtblues mit Texten des 1975 gestorbenen deutschen Pop-Schriftstellers Rolf Dieter Brinkmann an. Dessen Lamento über die kaputte Stadt und ihre kaputten Bewohner passt zwar vordergründig in die harte Hauptbahnhofszenerie, bleibt aber als sperriger „Zwischenruf“ ein völlig humorfreier Fremdkörper inmitten der mal verspielt, mal kraftvollen Tanzstücke. Voller Power hiphoppen Vadim Bauser und Konstantin Johannes füreinander unsichtbar um die Wette. Voller Wut über die egozentrische Arbeitsgesellschaft treten die drei Performer von „Tanz.Mass.Name“ in die Zwischenwände. Subtil-ironisch agiert Stephanie Cumming als An- und Ausziehpuppe, während Yolanda Gutierrez „Körperbäckerei“ per Nudelrolle und Teigfladen betreibt. Das letzte Wort bei dieser im Minutentakt wechselnd Peepshow, die erhellende Spotlights auf den modernen Tanz wirft, haben allerdings fünf klassische Balletteusen. Im weißen Tutu drehen sie sich um sich selbst – wie Spieluhren aus einer längst vergangenen Zeit.

Hamburger Abendblatt, 9. 9. 2005

Ballett trifft Breakdance -magic light “New Battle“ von Klaus Witzeling Magnetisch zieht die gigantische „Bildschirmwand“ auf dem Vorplatz des Hamburger Hauptbahnhofs den Blick an. Doch der blaue Schein trügt. Was wie MTV aussieht, erweist sich als die Tanzinstallation „Magic light“ in 15 übereinander gestapelten Schiffscontainern. Die im Farblicht schillernden Boxen sind keine Monitore, sondern dienen 19 Performern als Minibühnen. Nicht das einzige raffinierte Täuschungsmanöver von  Irmela Kästner und  Barbara Schmidt-Rohr. Was die neugierigen Passanten und Reisenden wie ein flottes Tanzspektakel zur Unterhaltung anlockt, lenkt zuerst ihren Blick, dann die Gedanken hinter die Oberflächenreize medialer Körperbilder hin auf auf deren Widersprüche, enthüllt diese als Ikonen – konstruiert und gesteuert aus gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Interesse. Zudem lassen die beiden Kuratorinnen mit dem dramaturgischen Beistand des Choreografen Chris Haring die Kunstbilder auf die Bilder der Wirklichkeit prallen: Denn mit der fünf Tage lang aufgestellten Installation sind die Tanzkünstler sozusagen in die Wohnstube der Obdachlosen eingebrochen, die von den vorbeihastenden Leuten ansonsten tunlichst nicht wahrgenommen werden. Der eine oder andere „auf Platte Lebende“ nützt auch die Chance zu einem improvisierten Auftritt. Kommentiert mal rasch im Vorübergehen mi einem Gestentanz Rolf Dieter Brinkmanns visionäre Tiraden von der nicht aufzuhaltenden Katastrophe, in die uns die technische und elektronische Entwicklung treibt. ?Der Schauspieler Matthias Breitenbach spricht die überraschend aktuell wirkenden „Tagebuch-Eintragungen“ in seiner „Wohnzelle“ und kritzelt sie an die Wände. Wie wir alle ein Ratloser in „diesem schwer zu durchschauenden Krieg“ unserer Umbruchsgesellshaft. Die kurzen, sarkastischen Einwürfe spinnen einen roten Faden für die Tanzsequenzen in der an die Videotürme von Nam June Paik erinnernden Container-Installation. An einem sozialen Brennpunkt der Hansestadt, zwischen Bahnhof und Deutschem Schauspielhaus aufgestellt, weckte sie diesmal noch mehr Aufsehen, noch größere Aufmerksamkeit, noch zahlreicheren Zulauf als im Vorjahr an der Reeperbahn in St. Pauli. ??Im Gegensatz zur solistischen, showartigen Nummernrevue von „Glamour“ (2004) beziehen sich die für „Magic light“ komponierten Tanz-Szenen formal und inhaltlich aufeinander: Sie zappen durch die Metamorphosen und Representationen des menschlichen Körpers vom Lehmklumpen in Gotteshand bis zum Electrobody. Zu ebener Erde betreibt „Urmutter“ Yolanda Gutierrez „Körperbäckerei“, beseelt einen Teigbatzen über ihren Leib rollend, formt im Schoß den Laib eines Menschenleibs, gemahnt an die Ursprünge. Hoch oben zucken dann die HipHoper Vadim Bauser und Konstantin Johannes beim Roboting, präsentieren den künstlichen gen- und chipsmanipulierten Spitzenkörper. ?Ironisch zitieren die beiden in der von Nachwuchs-regisseur Alexander Krebs arrangierten „New Battle“ das altmodisch romantische Idealkörperbild im klassischen Ballett. Für die meisten Leute ist es noch immer synonm mit Tanz. Darüber belustigen sich die fünf Ballerinen in Tomislav Jelecics Choreografie „Multiples: ihr fragmentierter Elfenreigen zum Walzer aus Gounods „Faust“-Oper wird zum viuellen und spöttisch pointierten Schlußpunkt. ??Wo wir, unsere Körper und der Tanz angekommen sind, demonstrieren mit skuriller Komik Annette Klar und Paula E. Paul in der gnadenlosen „Tanz.Mass.Nahme“, einer satirischen Reflektion über die Vermarktung von Tänzern und deren desolate Arbeitssituation. Stephanie Cumming nimmt in Harings Solo „Heroine“ das deformierende Kloning und Styling des Körpers im Narzismus-Kult heutiger Schönheitsidealen nach Starmuster aufs Korn. Sie alle schaffen in der Alltagssituation von „Magic light“ Aufmerksamkeit für die im ungewohnt „anderen magischen Licht“ aufscheinenden Widersprüchlichkeiten in den Körperbildern, in der Kunst und in der Wirklichkeit.

Urbane Rituale – Presse

CREDITS: Friedemann Simon, Wolfgang Unger, Tanja Melchert, Barbara Schmidt-Rohr

URBANE RITUALE

taz, 8. September 2003

Highlights hinter der Tribüne: Urbane Rituale Massenphänomen Fußball und Minderheitenthema Tanz trafen sich am Millerntor. von Karin Liebe Saufen und lautes Gegröle. Es soll Menschen geben, die so etwas abschreckt und die daher noch nie im Millerntorstadium waren. An  diesem Initiationsabend konnten sie mindestens zwei Erkenntnisse gewinnen. Erstens: Leere Bierflaschen können Kunst sein. Und zweitens: Raue Männerstimmen können Musik sein. „Urbane Rituale“, eine Veranstaltung der Tanzinitiative Hamburg, untersuchte das Massenphänomen Fußball mit den Mitteln des Minderheitenphänomens Tanz.  20000 Zuschauer passen normalerweise ins Stadium des FC St. Pauli, nur ein paar Hundert sitzen bei diesem Experiment auf der Tribüne. Dafür ist das Verhältnis auf dem Rasen umgekehrt: Um die 150 Mitwirkende, darunter Mitglieder einer Hamburger Seniorentanzgruppe und die vierköpfige Retina Dance Company aus London, erobern den Raum ganz ohne Torjagd. Und trotzdem provoziert gleich die erste Choreografie Beifallsstürme auf den Rängen: Über den Rasen verteilt stehen 35 Männer und Frauen einzeln und zu zweit. Angestachelt von einer Trillerpfeife, ballen sie sich nach und nach zu einer aggressiven Meute zusammen. Wie eine Mauer drücken sie eine einzelne Tänzerin zum Ausgang. Eindrucksvoll wird hier vorgeführt, wie schnell Individualität in eine bedrohliche Masse umschlägt. Was dann allerdings auf dem Rasen folgt,  ist eine etwas unmotivierte Mischung aus Aerobicübungen, Standardtänzen und Modern Dance, gewürzt mit Technomusik und den Raum nicht füllenden Liedern des WorldMusicChors aus Hamburg. Das Experimentelle, Unfertige, Improvisierte überwiegt, das vorsichtige Ausloten und Begreifen eines für Tänzer ungewöhnlich großen Raums. An die Tradition der Hamburger Bewegungschöre und des Ausdruckstanzes großer Gruppen aus den 20er-Jahren sollte hier angeknüpft werden, doch zu groß war vielleicht die Scheu, wirklich „bewegende“ Momente im Massentanz zu erzeugen, die an faschistische Aufmärsche erinnern könnten. Geballte, ungezügelte Power dagegen auf der Fantribüne. Ein echter Fanclub, der Ultrá St. Pauli, heizt mit Gesängen und Sprechchören die Stimmung an. Und die ist gut – selbst ohne Tore auf dem Rasen. Trotzdem: Die echten Höhepunkte finden nicht auf dem Platz, sondern hinter den Tribünen statt. Dort stehen Frauen in weißen Gewändern wie Schlafwandlerinnen vor nachtschwarzen Bäumen, strecken sich auf der Böschung aus, dazwischen glitzert im Sand gestecktes Besteck. Am Absperrgitter drängeln sich Tänzer in fleischfarbener Wäsche wie Affen im Zoo. Und hinterm Eingang fügen sich Hunderte von exakt aufgestellten leeren Bierflaschen auf Boden und Treppen zu einer Installation übers schöne Trinken. Endergebnis: Eins zu Null für Individualität und kleinräumiges Spiel.

tanzjournal 5/03

Dribbelnde Attituden auf dem Rasen: Rund um das Stadion des FC St. Pauli vollführten in Hamburg 150 Tänzer und Laien Urbane Rituale von Gabriele Wittmann (…) Sankt Pauli, das war immer Vergnügen, Volksfest, Arbeitsfeld der Tanzdamen und Bärenbändiger. Doch ganz hinten, da steht immer noch der unsprengbare Bunker und mahnt an den Zweiten Weltkrieg. Hier rennt ein Dutzend Menschen mit Koffern über Kreuz, vergißt das Gepäck, verhüllt das Gesicht, steht mit erhobenen Armen ergeben am Stacheldrahtzaun. (…) Auf dem Spielfeld dann die eigentliche Choreographie: Von allen Seiten kommen sie, wie zufällig herausgetröpfelt, die Profis und die Laientänzer, von der Gruppe Artifact in individuelle Beigetöne gekleidet. Und stellen damit sofort klar: Wir befinden uns nicht in den Zeiten Labans, sondern in einer postmodern lässigen Ära nach dem Judson Dance Theater. (…) Überhaupt sind es immer die einfachen Bilder, die gelingen. Die Formationen auf dem Rasen beispielsweise sind von bestechender Schönheit, wenn sich 35 Körper schlangenförmig hinlegen wie fallende Dominosteine, wenn sie zu zirpenden, minimalistischen Klängen von Beat Halberschmidt eine Hand in die Luft recken. Und seltsam: Es kommt kein faschistischer Beigeschmack auf, keine das Individuum vergewaltigende Grundstimmung. Architektonische, mit äußerster Gelassenheit sich entwickelnde offene und geschlossene Kreise, Linien, die sich kreuzen – alles ist in sich stimmig und eine Erkundung großer Gruppenräume. (…) Zu guter Letzt darf das Publikum dann selbst den “heiligen Rasen” betreten, allerdings – wie die Tänzer vor ihnen – nur ohne Schuhe. Das an sich ist schon ein Erlebnis, denn der Rasen von Sankt Pauli wird in der Stadt angebetet wie an anderen Orten vielleicht eine Kuh. (…) Was war es also, was bleibt von jenem 6. September im Stadion des FC St. Pauli? Vor allem das Gefühl eines gemeinsam erlebten Kults. (…) Spät in der Nacht sorgt ein Stand vom Szenerestaurant NIL noch für exotische Suppe und ehrlichen Milchreis, und spätestens jetzt verstehen wir, warum im Programmheft stand: “Die nächste Revolution ist nicht technologisch, sondern sozial.”