Tüddeldüddel-lüd Presse

Fotos: Stefan Malzkorn

Tüddeldüddel-lüd

EIN COMMUNITYPROJEKT Uraufführung: 5.2.2009 Kampnagel Hamburg

DIE WELT, 7. 2. 2009

Tüddeldüddel-Lüd: Hamburg, wie es klingt und tanzt von Monika Nellissen Respekt! Eine derart bunt gemischte Laientruppe aus 45 Frauen, Männern, Alten und Jungen binnen neun Tagen zu einem choreografisch disziplinierten Bewegungskosmos anzuregen, der über die Dauer einer knappen Stunde fast durchgehend fesselt, das ist ungewöhnlich. “Tüddeldüddel-Lüd” heißt etwas neckisch mit hanseatischem Anklang eine Performance von Isabelle Schad und Bruno Pocheron, die mit Hilfe der Hamburger Tanzinitiative im Zentrum der Choreographie in der Kampnagelfabrik entstanden ist. Wohltuend dabei, dass die Beteiligten nicht unter dem Drill der derzeit grassierenden Welle mitunter prätentiöser Tanzperformances mit körperlich Ungeübten steht, sondern dass hier jede Unzulänglichkeit individuell genutzt wird zu erstaunlich homogenen chorischen Gruppierungen und anrührenden Einzelbegegnungen. Auf eine Soundcollage aus Alltagsgeräuschen, eingefangen an unzähligen Orten in Hamburg, antworten die Darsteller in rhythmisch-energetisch sich formenden und auflösenden Bildern

Tanzjournal 2/2009

Der einzelne im Schwarm von Edith Boxberger Hemden, Röcke, Jacken, Blusen, Shirts klatschen auf den Boden, fliegen in die Luft, werden um Körper drapiert und auf verschiedenste Weisen übergezogen. Die Körper verschwinden hinter den Kleidungsstücken, blitzen momenthaft auf. Je länger das Spiel andauert, desto mehr verfließen sie mit ihnen, desto unentscheidbarer wird, wer Akteur, wer Objekt ist. Überraschende, bizarre, beklemmende Bilder tauchen auf und rufen unterschiedliche Assoziationen herauf: Lust an Neuerfindung, Deformierung, Schutzsuche. Ganz allmählich geht die über den ganzen Raum verteilte Gruppe zu Boden und rückt schließlich zu einem Leib zusammen, einem vielgestaltigen, durch die Bewegungen der Einzelnen unaufhörlich pulsierenden Leib. Diese suchen Nähe, aber immer auch einen eigenen Ort. Ein Schluss, dessen Botschaft sich freilich nur aus dem Verlauf des Stückes erhellt. Denn nicht die Rückkehr in den Schoß einer Großgruppe legt das neue Community-Projekt nahe, das Isabelle Schad und Bruno Pocheron (nach der Idee von Irmela Kästner und Barbara Schmidt-Rohr ) mit einer sehr heterogenen Gruppe von 45 Hamburgern erarbeitet haben, sondern die Idee eines größeren Miteinander, das von Einzelnen getragen wird und sich in wechselnden kleinen Konstellationen realisiert. „TüddelDüddel-Lüd“, so der norddeutsch-lautmalerische Titel, beschreibt den urbanen Kontext als nie versiegenden und stetig sich verzweigenden Fluss, als Quelle von Aktivität und Sozialität, von Bruno Pocheron mit dem Sound der Stadt unterlegt. Kaum je hört die Bewegung auf. Poetisch das Eingangsbild: von beiden Seiten winden sich die Darsteller mit ausgebreiteten Armen in den Raum und verzahnen sich in der Mitte, ein Bild, das, wenn man will, an Seevögel im Gleitflug erinnert und sich in verschiedenen Variationen durch das Stück zieht. Es bilden sich Paare, kleine Gruppen. Sie verlassen die Bühne, kommen zurück und formen sich zu drei größeren Gruppen, aus der sich erst einzelne, dann viele lösen und, angestoßen durch herausschwingende Hüften, zum Piepsen der Supermarktkasse ihre Körper zu schrägen Ausbeulungen verziehen. Die Gruppe ist durchlässig, macht die Einzelnen sichtbar, in den luftig sich verschiebenden Reihen, in dem sogartig nach hinten gezogenen Pulk, den die Einzelnen ständig in Bewegung halten, indem sie Plätze und Raumdimensionen wechseln. Und während Hildegard Knef kompromisslos Erwartungen an das Leben besingt („Für mich solls rote Rosen regnen“) treten sie ganz nahe ans Publikum heran, jeder Einzelne zu unterscheiden. Die Gruppe ist nie ein homogenes oder starres Gebilde. Oft franst sie wie ein verwischtes Foto an den Rändern aus, kaum dass sie geformt ist – die Akteure sind schon wieder unterwegs, um an anderer Stelle etwas miteinander probieren. „TüddelDüddel-Lüd“ ist, anders als das stark textdominierte „Still Lives“, ein reines Bewegungsstück, in dem aber nicht der Versuch unternommen wird, Tanzformen zu imitieren, sondern, inspiriert von verschiedenen Körperpraktiken, Bewegungen aus der Wahrnehmung des individuellen Körpers und seiner Schichtungen zu initiieren, die auch für den anderen sensibilisieren. Daraus entstehen unprätentiöse Bewegungen, einfach und zugleich eigenwillig, bestimmt und doch von großer Behutsamkeit, und auch eine unaufdringliche, aber zärtliche Zugewandtheit. Immer wieder entstehen kleine berührende Duette. Paare stehen in einer Art stillen Nähe, führen oder tragen sich über die Bühne, rollen in enger Umarmung. Selbstverloren dreht ein junger Mann große Runden durch den Raum, während Möwen hitchcockartig kreischen. Ein älterer Mann steht mit ausgebreiteten Armen neben seiner Bahn und hat ihn stets im Blick, bereit, ihn notfalls zu beschützen.