Cinderella Games – Presse

Fotos: Heiko Seibel

Cinderella Games

4 choreografische Kommentare im Boxring Uraufführung: 18. 2. 2007 Sportbar scope, Hans-Albers-Platz, Hamburg/St. Pauli Schwankhalle Bremen

Die Welt 20. 2. 2007

Nieder mit der Schwerkraft – Ring und Bühne frei für künftige Sieger und kommende Verlierer  von Stefan Hentz Uraufführung: Cinderella Games: Tänzerinnen machen Schlagzeilen, der Boxring wird zum Tanzboden: Quadratisch, praktisch, ein klassisches Format, vielleicht fünf mal fünf Meter, gut gepolsterte Ecken und Seile zwischen den Eckpfosten: ein Boxring – die klassische Bühne. Bühne für Selbstdarsteller, Kämpfer, Schläger, Tänzer. Und Tänzerinnen, versteht sich, spätestens seit Boxerinnen die Nachrichtenkanäle entern. Und seit die Tanzinitiative Hamburg und das Steptext Dance Project Bremen den Boxring zum Schauplatz ihres mit Tänzerinnen und Tänzern aus Berlin, Bremen, Paris und Hamburg besetzten Projektes “Cinderella Games” erkoren haben, das am Sonntag in der gut gefüllten Sportbar Scope am Hans-Albers-Platz uraufgeführt wurde. Kampf und Tanz, Wucht und Rhythmus, Boxen und Weiblichkeit, Spiel und bitterer Ernst, sind in etwa die Spannungsverhältnisse, aus denen die “Cinderella Games” ihre Energie schöpfen. Die Berliner Tänzerin Katrin Schyns etwa bezieht sich ironiegeladen auf die Traummaschine Boxsport, auf die Träume von Erfülltheit und Unbedingtheit, die sich mit dem Kampfsport verbinden. Anne Minetti dagegen thematisiert das Wechselverhältnis zwischen Kämpferin und einem Widerpart in einer Zwitterrolle zwischen Schiedsrichter und persönlichem Trainer thematisiert, der das nötige Aggressionslevel aus der Tänzerin hervorkitzelt, und die Hamburger Choreographin Dorothea Ratzel konfrontiert einen Interviewmitschnitt der seit Sonnabend frischen Fliegengewichts Weltmeisterboxerin Susianna Kentikian als inneren Monolog mit der brachialen Dynamik des Kickbox-Profis Tim von Fintel. Am deutlichsten erzählen die Pariser Tänzerinnen Mélanie Sulmona und Karla Pollux die Geschichte eines Kampfes als Folge von Verwandlungen und Rollenwechseln. In dem Maß, wie sie die Ausrüstung der Kämpferin anlegen, zögernd und zielstrebig zugleich, streifen sie die sexualisierten Gesten der Weiblichkeit ab, und schlüpfen in geschmeidige Bewegungsmuster, die zusammen mit den elastischen HipHop-Beats die latent aggressive Energie des Kampfes beschwören. Zwei Spiegelfechterinnen, deren Kampf im Gleichmaß von Angriff und Abwehr, von Ausweichen und Nachsetzen, links, rechts, vor und zurück mit zunehmender Kampfdauer das Gegeneinander zum Zusammenspiel konvergenter Kräfte verwandelt. Sieger und Verlierer? Nur zwei Seiten einer Medaille namens Kampf, nur die Gemeinsamkeit der Akteurinnen, Solidarität vielleicht sogar.

Hamburger Abendblatt, 10./11. 2. 2007

Frauen, die sich hauen von Klaus Witzeling Die Hamburger Choreografin Dorothea Ratzel im Gespräch mit der frisch gekürten WBA-Weltmeisterin im Fliegengewicht, Susianna Kentikian, zu CINDERELLA GAMES weiterlesen

tanzjournal 2/2007

Cinderella Games von Klaus Witzeling Tanz statt Kampf? Der Kampf als Tanz? Oder Tanz als Kampf? Die Hamburger Tanzinitiative schickte vier Choreografinnen in den Boxring, um die Grenzen zwischen Sportkunst und Tanzsport auszuloten. Bei den „Cinderella Games“ steigen schon mal Underdogs zu Medien-Heroen auf – wie die frischgebackene WBA-Weltmeisterin Susiana Kentikian. Die „Killer-Queen der Herzen“, eine armenische Immigrantin in Hamburg, schlug in Dorothea Ratzels „sieg oder stirb!“ zwar nicht mit den Fäusten zu. Der Fliegengewichtlerin genügten Worte, um in der Sportbar „Scope“ am Kiez ihren Sparring-Partner, den Kick-Boxer Tim von Fintel, in die Seile zu jagen. Mit dem Fight zwischen Körper und Kopf, zwischen muskulärer und mentaler Kraft, punktete der „Profi“ dann doch gegen „Susi“ durch performative Präsenz und elegant treffsicheren Einsatz der Martial Arts. Die weiteren Duelle in der Koproduktion mit steptext dance project bremen (von Katrin Schyns und Anne Minetti) waren als choreografische Vorrunden zu werten. Doch gelang Mélanie Sulmona und Karla Pollux in ihrer HipHop-Battle eine effektsichere Synthese von Boxen und Tanz.