Urbane Rituale

Fotos: Friedemann Simon, Wolfgang Unger, Tanja Melchert, Barbara Schmidt-Rohr

URbane Rituale

SPIEL OHNE BALL AM MILLERNTOR Uraufführung: 6.September 2003 Millerntor Stadion Hamburg

Individualität und Massenbewegung im öffentlichen Raum. Alles dreht sich um das Massenphänomen Sport. Die zeitgenössische Kunst verschwindet mehr und mehr im Abseits. Wir hingegen bringen den Tanz aufs Spielfeld mit einer Inszenierung in Hamburgs Kultstadion am Millerntor.

In den 20er Jahren war es der Ausdruckstanz, der große Gruppen von Laientänzern aktivierte. Insbesondere in der Tradition der Hamburger Bewegungschöre von Rudolf von Laban. Deren spätere Instrumentalisierung im Dritten Reich, auch für Olympia 1936, ließ diese Tradition hierzulande verständlicherweise abreißen. In England dagegen fand und findet sie in groß inszenierten Community Dance Projekten bis heute eine, sich im Spiegel der Gesellschaft ständig wandelnde, Fortführung. An diese Tanzbewegungen wollen wir anknüpfen und neue, zeitgemäße Formulierungen und Ausdrucksweisen des menschlichen Körpers in seinen heutigen urbanen Lebenszusammenhängen erproben. URBANE RITUALE ist ein Pilotprojekt, ein Experiment, das sich an der Schnittstelle von Ritual und Inszenierung bewegt. Die Rituale von Tanz und Theater kreuzen sich mit denen des Fußballs. Doch das ist nur eine Ebene. Weitere ergeben sich aus Verschränkungen und Begegnungen unterschiedlicher Gruppen, die bereits im Stadtteil St. Pauli aktiv sind – teils mehr, teils weniger verbunden mit der Vereinskultur des Fußballclubs. Deren Originalität macht sich die Inszenierung zu Nutze, stellt sie in ein neues Licht, entwirft neue Kodierungsmuster in einer Kontextualisierung von Aktionen, Ausdruck, Rhythmus aus der Perspektive des zeitgenössischen Tanzes. Daraus formieren sich neue Ritualmomente als Ausdruck von zeitgenössischer, urbaner Kultur – ein Mikrokosmos an den Schnittstellen von Choreografie, Performance und Identitätsfindung bildet sich ab. Was Macht die Masse ? Der gemeinsame Körper als homogene Masse, wie ihn Rudolf von Laban in den 20er Jahren formuliert hat, kann nicht länger das Ziel sein. Dennoch ist er ein Teil unserer Geschichte, mit der wir uns in einer Art von kulturpsychogener Spurensuche auseinandersetzen. „Jeder Mensch ist ein Tänzer“, die Losung, die Laban damals ausgab, gilt hier nach wie vor. „You’ll never walk alone“, singen die St. Pauli-Fans am Millerntor.

Konzept/Choreografie: Annett Walter (Hamburg), Thomas Kampe (London) Musik: Beat Halberschmidt (Hamburg/Berlin),
Ausstattung: Artifact Hamburg
Dramaturgie + Produktionsleitung: Irmela Kästner, Barbara Schmidt-Rohr (Hamburg)
mit: Retina Dance Company(London); Petra Bachmaier(Chicago) Humanity Private House, WorldMusicChor (Hamburg) TänzerInnen/ChoreografInnen aus Hamburg, FC St Pauli/Young Rebels B Jugend Mädchen, Ultra’ St.Pauli, Seniorentanzgruppe, Restaurant Nil (Hamburg) u.v.a.

Eine Produktion der Tanzinitiative Hamburg in Kooperation mit: FC St. Pauli, FB Sportwissenschaft Universität Hamburg, London Metropolitan University, Chisenhale Dance Space London, Bernstein (Hamburg)

gefördert von: Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, Hamburger Kulturstiftung, Verfügungsfond St.Pauli-Wohlwillstraße mit Unterstützung von: FC St. Pauli, die tageszeitung, Restaurant Nil

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