Notett – presse

Fotos: Jens Hasenberg

Notett

RANDBEMERKUNGEN / EIN STÜCK VON CLAUDIA LICHTBLAU                    URAUFFÜHRUNG:  2.10.2008 STADTPARK HAMBURG UND KAMPNAGEL

Hamburger Abendblatt 4. 8. 2008

Askese, Sinnlichkeit und Befremdung von Monika Fabry So viel heroische Selbstverleugnung, gepaart mit künstlerischer Integrität und Disziplin sind selten. “Notett – Randbemerkungen”, eine zweiteilige tanztheatrale Meditation als Uraufführung von Claudia Lichtblau, produziert von der Tanzinitiative Hamburg, verlangte den beiden Protagonisten, Marine Fourniol und Matthias Hartmann, einiges ab […] weiterlesen:  www.abendblatt.de

Tanzjournal 6/ 2008

Bis es friert von Klaus Witzeling Zwei Körper positionieren sich im Raum, sie gehen in Stellung. Sie beziehen sich aufeinander in Blicken, ziehen ihre Bahnen, umkreisen einander in Wegen und morsen sich Worte zu wie klingende Lichtsignale. Doch sie kommen nicht wirklich in Kontakt, wie der Titel von Claudia Lichtblaus „Notett Randbemerkungen“ bereits nahelegt. Marine Fourniol und Matthias Hartmann tanzen kein Duett, sie treten vielmehr in Dialog mit der Kunst des Tanzes und den Raumstrukturen. Selbst in der Natur, unter freiem Himmel im Hamburger Stadtpark, wo der erste Teil der Körper-Raum-Performance unter Wolkenschleiern einfach vor sich geht (so muss man schon sagen, denn Lichtblau und ihren so präzisen wie präsenten Tanzkünstlern liegt jegliche Spekulation auf Spektakel fern) beziehen sich die beiden auf die Sockelkonstruktion des Art-Deko-Wasserturms. Sie folgen, von herbeiwehenden Klangfetzen des Posaunisten Brent Foster begleitet, den Treppen und der Einfassung des Brunnenbassins. Es passiert eigentlich wenig und doch ungeheuer viel, denn die Choreographin lädt die exakten, konzentriert gespannten Bewegungsakte mit Assoziationen aus der (bildenden) Kunst und dem Theater und nicht zuletzt mit Sprache auf: Der Hamburg-Flanierer Samuel Beckett kommt zu Wort, dann beim zweiten Teil im kalten Betonkubus der Kampnagel-Probebühne Friedrich Hölderlin und nicht zufällig Stéphane Mallarmé mit dem Poem „Une Constellation“ – „Ein Sternbild“. Im geschlossenen Raum gelingt es der manischen Minimalistin Lichtblau „die Konstellation“ zwischen den beiden „Gestirnen“ zu Explosionen der Stille zu bringen – allerdings nur für den Zuschauer, der dem sich entspinnenden Netz aus Bewegungen und Worten folgen mag. Sie entfaltet es sorgsam, setzt wenig Akzente mit Farbe – grüne Schuhe, der mit rotem Leder bezogene Barhocker, ein gelber Mülleimer – und strukturiert vier Mal mit den sich unmerklich verschiebenden Rhythmen des Komponisten Killian Schoon. Hartmanns Klagestöhnen ins Mikrophon findet sein Echo in Hölderlins poetischem Appell an die „himmlische Flamme des Verstandes“ („Die letzte Stunde/Der Wald“). Sein Körper leuchtet nackt und pur und es gelingt Hartmann die Entkörperlichung seines Körpers ins Skulpturale. Er wirkt rein, spirituell und selbstverständlich, was den rauschenden Seidenstoff über der bloßen Haut der „Partnerin“ vergleichsweise obszön wirken lässt.??Die Choreographin stellt Grundsatzfragen in „Notett“. Antworten gibt sie keine. Ihr scheinbar leicht hingeworfenes, dabei stets ins Kleinste durchdacht wirkendes Werk mutiert überraschend zum kantigen Brocken – durch die es grundierenden Bezüge zu Dichtung und Philosophie und Gedankenspiele über Kunst, Natur, den Menschen und die von ihm geschaffene grauenvolle Realität, deren Bilder sie nie beschwört aber mit ihren subtilen und großartigen Tänzern in die Fantasie des Zuschauers projiziert, dass ihn frieren muss. Dieses ungewöhnliche Projekt ist der Tanzinitiative Hamburg zu danken. Sie holte Claudia Lichtblau erstmals an die Elbe und realisierte in Kooperation mit dem „K3-Zentrum für Choreographie“ diese bemerkenswerte, mutige, wahrlich dem Tanz neue Spielorte und (Gedanken)Räume eröffnende Produktion. Sie mag nicht auf Anhieb „publikumsattraktiv“ gewesen sein. Doch genau darum muss es in der Recherche über Tanz und im vom Tanzplan Deutschland ermöglichten choreografischen Zentrum gehen können: Auch in Zukunft solche, sich Gefälligkeit und Mainstream verweigernde eigenständige, originelle und unabhängige Tanz-Experimente anzustiften und zu verwirklichen.