Magic Light – presse

Magic Light

TANZ IN CONTAINERN AUF DEM HACHMANNPLATZ/ HBF HAMBURG URAUFFÜHRUNG:  SEPTEMBER 2005

taz-hamburg, 10./11.9.2005

Hiphop mit Spieluhr??magic light: Junge Tänzer aller Sparten buhlen in 15 am Hauptbahnhof übereinander gestapelten Containern um die Gunst des Publikums von Karin Liebe Der Hamburger Hauptbahnhof ist nicht gerade ein Ort, an dem man sich länger als unbedingt nötig aufhält. Selbst die Mozart- und Haydnklänge am Ausgang Hachmannplatz dienen nicht zur Erbauung der Reisenden, sondern zur Vertreibung von Drogensüchtigen und Dealern. Umso erfreulicher, dass der Platz für wenige Tage zum Ort des erwünschten Müßiggangs und Kunstgenusses wird. Und das ohne Mega-Event-Charakter, Feuerwerksgetöse und Würstchenbudengeruch. Nicht einmal Eintritt kostet die von der Hamburger Tanzinitiative initiierte und produzierte Performance „MAGIC light“. Stehvermögen sollte man für die 90 Minuten dauernde Show allerdings mitbringen – und Neugierde auf zeitgenössischen Tanz. Bis Sonntagabend findet sie noch vor dem Bieberhaus in 15 mit Neonröhren erleuchteten Schiffscontainern statt. Letztes Jahr stand die Container-Installation unter dem Titel „Glamour“ auf dem Spielbudenplatz – mit so großem Erfolg, dass  Irmela Kästner und  Barbara Schmidt-Rohr das Konzept am neuen Spielort wiederholten. Nacheinander, teils auch parallel, buhlen jetzt wieder internationale Tänzer und diesmal auch ein Schauspieler auf engstem Raum um die Aufmerksamkeit des Publikums. Die temporären „Bewohner“ der in drei Reihen zu jeweils fünf Containern übereinander gestapelten Kästen werden zu Beginn mit einem Hebekran auf ihre Minibühne hinaufgehievt – ein stimmungsvoller Anfang, der einen sofort an laue Sommerabende an der Elbe mit Blick auf den Containerhafen erinnert. Während das Publikum alles voll im Blick hat, ist der Sichtkontakt der Künstler untereinander durch Wände zwischen den Waben versperrt. Aber sie hören sich. Vor allem den Hamburger Schauspieler Matthias Breitenbach. Er stimmt mehrfach einen zornigen Großstadtblues mit Texten des 1975 gestorbenen deutschen Pop-Schriftstellers Rolf Dieter Brinkmann an. Dessen Lamento über die kaputte Stadt und ihre kaputten Bewohner passt zwar vordergründig in die harte Hauptbahnhofszenerie, bleibt aber als sperriger „Zwischenruf“ ein völlig humorfreier Fremdkörper inmitten der mal verspielt, mal kraftvollen Tanzstücke. Voller Power hiphoppen Vadim Bauser und Konstantin Johannes füreinander unsichtbar um die Wette. Voller Wut über die egozentrische Arbeitsgesellschaft treten die drei Performer von „Tanz.Mass.Name“ in die Zwischenwände. Subtil-ironisch agiert Stephanie Cumming als An- und Ausziehpuppe, während Yolanda Gutierrez „Körperbäckerei“ per Nudelrolle und Teigfladen betreibt. Das letzte Wort bei dieser im Minutentakt wechselnd Peepshow, die erhellende Spotlights auf den modernen Tanz wirft, haben allerdings fünf klassische Balletteusen. Im weißen Tutu drehen sie sich um sich selbst – wie Spieluhren aus einer längst vergangenen Zeit.

Hamburger Abendblatt, 9. 9. 2005

Ballett trifft Breakdance -magic light “New Battle“ von Klaus Witzeling Magnetisch zieht die gigantische „Bildschirmwand“ auf dem Vorplatz des Hamburger Hauptbahnhofs den Blick an. Doch der blaue Schein trügt. Was wie MTV aussieht, erweist sich als die Tanzinstallation „Magic light“ in 15 übereinander gestapelten Schiffscontainern. Die im Farblicht schillernden Boxen sind keine Monitore, sondern dienen 19 Performern als Minibühnen. Nicht das einzige raffinierte Täuschungsmanöver von  Irmela Kästner und  Barbara Schmidt-Rohr. Was die neugierigen Passanten und Reisenden wie ein flottes Tanzspektakel zur Unterhaltung anlockt, lenkt zuerst ihren Blick, dann die Gedanken hinter die Oberflächenreize medialer Körperbilder hin auf auf deren Widersprüche, enthüllt diese als Ikonen – konstruiert und gesteuert aus gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Interesse. Zudem lassen die beiden Kuratorinnen mit dem dramaturgischen Beistand des Choreografen Chris Haring die Kunstbilder auf die Bilder der Wirklichkeit prallen: Denn mit der fünf Tage lang aufgestellten Installation sind die Tanzkünstler sozusagen in die Wohnstube der Obdachlosen eingebrochen, die von den vorbeihastenden Leuten ansonsten tunlichst nicht wahrgenommen werden. Der eine oder andere „auf Platte Lebende“ nützt auch die Chance zu einem improvisierten Auftritt. Kommentiert mal rasch im Vorübergehen mi einem Gestentanz Rolf Dieter Brinkmanns visionäre Tiraden von der nicht aufzuhaltenden Katastrophe, in die uns die technische und elektronische Entwicklung treibt. ?Der Schauspieler Matthias Breitenbach spricht die überraschend aktuell wirkenden „Tagebuch-Eintragungen“ in seiner „Wohnzelle“ und kritzelt sie an die Wände. Wie wir alle ein Ratloser in „diesem schwer zu durchschauenden Krieg“ unserer Umbruchsgesellshaft. Die kurzen, sarkastischen Einwürfe spinnen einen roten Faden für die Tanzsequenzen in der an die Videotürme von Nam June Paik erinnernden Container-Installation. An einem sozialen Brennpunkt der Hansestadt, zwischen Bahnhof und Deutschem Schauspielhaus aufgestellt, weckte sie diesmal noch mehr Aufsehen, noch größere Aufmerksamkeit, noch zahlreicheren Zulauf als im Vorjahr an der Reeperbahn in St. Pauli. ??Im Gegensatz zur solistischen, showartigen Nummernrevue von „Glamour“ (2004) beziehen sich die für „Magic light“ komponierten Tanz-Szenen formal und inhaltlich aufeinander: Sie zappen durch die Metamorphosen und Representationen des menschlichen Körpers vom Lehmklumpen in Gotteshand bis zum Electrobody. Zu ebener Erde betreibt „Urmutter“ Yolanda Gutierrez „Körperbäckerei“, beseelt einen Teigbatzen über ihren Leib rollend, formt im Schoß den Laib eines Menschenleibs, gemahnt an die Ursprünge. Hoch oben zucken dann die HipHoper Vadim Bauser und Konstantin Johannes beim Roboting, präsentieren den künstlichen gen- und chipsmanipulierten Spitzenkörper. ?Ironisch zitieren die beiden in der von Nachwuchs-regisseur Alexander Krebs arrangierten „New Battle“ das altmodisch romantische Idealkörperbild im klassischen Ballett. Für die meisten Leute ist es noch immer synonm mit Tanz. Darüber belustigen sich die fünf Ballerinen in Tomislav Jelecics Choreografie „Multiples: ihr fragmentierter Elfenreigen zum Walzer aus Gounods „Faust“-Oper wird zum viuellen und spöttisch pointierten Schlußpunkt. ??Wo wir, unsere Körper und der Tanz angekommen sind, demonstrieren mit skuriller Komik Annette Klar und Paula E. Paul in der gnadenlosen „Tanz.Mass.Nahme“, einer satirischen Reflektion über die Vermarktung von Tänzern und deren desolate Arbeitssituation. Stephanie Cumming nimmt in Harings Solo „Heroine“ das deformierende Kloning und Styling des Körpers im Narzismus-Kult heutiger Schönheitsidealen nach Starmuster aufs Korn. Sie alle schaffen in der Alltagssituation von „Magic light“ Aufmerksamkeit für die im ungewohnt „anderen magischen Licht“ aufscheinenden Widersprüchlichkeiten in den Körperbildern, in der Kunst und in der Wirklichkeit.